Wir als Rotznasenanarchies distanzieren uns!

Olaf Scholz versicherte im Vorfeld, die Hamburger*innen würden vom G20 Gipfel weit weniger mitbekommen als vermutet. Ja, er könne sich sogar vorstellen, dass sich Menschen am 09.07. wundern würden, dass der Gipfel schon vorbei sei.

Angesichts der militärischen Belagerung ganzer Stadtviertel durch völlig freidrehende Polizeibeamt*innen, unter dem Kommando des Rechtsbrechers Dudde, verdeutlicht eine solche Aussage nichts anderes, als ein unfassbares Ausmaß an Arroganz.

Der Gipfel ist vorbei, die verbeamteten Hooligans verschwinden aus den Vierteln, Rauch und Tränengas verziehen sich langsam und zurück bleibt die Erkenntnis, dass Grund- und Menschenrechte im entscheidenden Moment einfach außer Kraft gesetzt werden können.

Sichtbar wird auch das Komplettversagen eines überwiegenden Teils der Presse, welche nicht nur einzelne Personen an den öffentlichen Pranger stellt und sie dem Mob buchstäblich zum Fraß vorwirft. Sondern überdies die brutale Polizeigewalt ebenso wenig erwähnt, wie die Rechtsbrüche der Polizei bis hin zum offenen Putsch gegen die Justiz, die Aushebelung des Versammlungsrechtes und insbesondere den Angriff auf die Demonstration „Welcome to Hell“, bei dem nur mit Glück keine*r ums Leben gekommen ist.

Bilder und Videos zu den polizeistaatlichen, ja diktatorischen Zuständen, die wir in Hamburg erleben mussten, finden sich Zuhauf im Netz. Wir haben als Gruppe Rotznasenanarchies zuvor mit Kindern darüber gesprochen, was während des G20 Gipfels auf uns zukommen würde. Wir haben über gesperrte Straßen und über hohe Polizeipräsenz gesprochen. Wir haben uns verabredet, um gemeinsam an Demonstrationen teilzunehmen und auf andere Weise gegen den Ausnahmezustand und die Politik der G20 zu protestieren. Mit dem Ausmaß der Eskalation, welche mit der rechtswidrigen Stürmung des Camps in Entenwerder begonnen hat und sich in den folgenden Tagen auf ein unfassbares Level zugespitzt hat, hatten wir so nicht gerechnet. Wir hatten geplant, uns am antikapitalistischen Camp mit einem KidsSpace zu beteiligen. Wir wollten einen Ort, an dem wir uns hätten treffen können, an dem wir uns über den G20 und über unsere Utopien austauschen können. Und einen Ort, an dem wir zusammen sein können, wenn wir die Belagerung unsere Straßen, die Polizeigewalt und das ständige Geknatter der tieffliegenden Helikopter alleine nicht mehr ertragen hätten. Diese Pläne hat die Polizei unter Missachtung eines gültigen Gerichtsbeschlusses von Beginn an buchstäblich zerschlagen.

Wir haben nicht erwartet, dass die Polizei ganze Stadtviertel in eine No-Go-Area für Kinder verwandeln würde. Wir sagen es ganz deutlich und wir bleiben dabei: Nicht die vielen Demonstrant*innen und Aktivist*innen haben eine beklemmende Atmosphäre der Angst geschaffen, wie es die Regenbogenpresse gebetsmühlenartig behauptet. Durch und durch bedrohlich war für uns einzig und allein die Polizei. Dies sollte sich im Übrigen auch die selbsternannte Bürgerwehr hinter die Ohren schreiben, die mit einem langen Paddel bewaffnet im Karoviertel Jagd auf vermeintliche Autonome gemacht hat. Ihr seid das Allerletzte! Natürlich ist nicht jede Aktion anschlussfähig für Kinder, natürlich gibt es Situationen, die wir mit Kindern lieber gemieden haben.

Das war für uns aber jederzeit gut kalkulierbar. Nicht kalkulierbar war für uns, wo und wann es wieder zu einer polizeilichen Gewaltorgie kommen würde. Um dennoch an wenigstens einer Demonstration teilnehmen zu können, haben wir uns für einen Kinderblock auf der Großdemonstration „Grenzenlose Solidarität statt G20“ entschieden.

In diesem Zusammenhang müssen wir uns nun doch an dem bunten Distanzierungsreigen beteiligen, den wir jetzt erleben müssen.

Wir als Rotznasenanarchies distanzieren uns ausdrücklich von antisemitischen Symbolen, die innerhalb der Demo zur Schau getragen wurden, unter Anderem in Form des Kraken als Symbol für eine raffende Übermacht, als Symbol für „das Böse“ welches uns – „das Gute“ im Würgegriff hält. Nicht nur, dass dieses Symbol direkt dem „Stürmer“ von 1938 entlehnt ist, lässt es komplett unsere eigenen Anteile am Zustand dieser Welt außer Acht.

Wir distanzieren uns von den Menschen, die es sich nicht verkneifen konnten auf der Demo Schilder zu präsentieren, auf denen „den Einsatzkräften“ gedankt wurde, ganz so als hätte es die unglaublichen Menschenrechtsverletzungen der vergangenen Tage nicht gegeben. Oder als würden sie begrüßt.

Wir distanzieren uns weiter von den Menschen, die am Sonntag auf populistische Weise so getan haben, als würden sie die Schanze reinigen – nachdem die Stadtreinigung schon durch war.

Noch deutlicher distanzieren wir uns von jenen, die sich bei Bullen bedankt, sie umarmt und ihnen Kuchen und Blumen geschenkt haben. Oder dafür sogar noch medienwirksam ihre Kinder vorgeschickt haben. Ihr erlebt tagelang die faktische Abschaffung (Menschen)rechtlicher Mindeststandards und es scheint Euch scheißegal zu sein. Ihr seid zum Kotzen und Ihr macht uns Angst.

Abgesehen davon erklären wir uns mit allen solidarisch, die gegen die G20 und ihre Politik auf die Straße gegangen sind, und mit jenen die daran gehindert wurden. Wir wünschen allen Betroffenen viel Kraft und Solidarität im Umgang mit der folgenden Repression. Wir stellen uns solidarisch hinter die Menschen, die von der Presse an den Pranger gestellt und von allen Seiten massiv unter Druck gesetzt werden.

Wir können uns kaum vorstellen, was Ihr gerade durchmachen müsst.
Solidarische Grüße an alle, die brutale Polizeigewalt miterleben mussten und zum Teil schwer verletzt wurden.

Die Rotznasenanarchies